![]() |
Der Hansenorden zu St. Goar ist aus einer mittelalterlichen Kaufmannsgilde entstanden, in die jeder eintreten mußte, der in der Stadt auf Märkten und Messen Handel treiben wollte. Weiter auf Seite 2 des aktuellen Hansen-Blattes. Der Hansenorden hat seinen Sitz in St. Goar. Seine Ordensburg ist Burg Rheinfels. Verfassung |
![]() |
| Internationaler Hansenorden e. V. zu St. Goar am Rhein Hansenbecher Dioramen-Schau Hansenfest auf Burg Rheinfels St. Goar Ordensrat, Senat, Ehrenrat | Ehrenmitglieder | Wer war früher Mitglied im Ordensrat? Kommenden E-Mail-Adressbuch Hansen-Blatt |
Aus: Hansen-Blatt
50/1997 Loreley Ein Beitrag zur Namendeutung von Dr. Manfred Halfer 1.0 Bisherige Deutungen Kaum eine Frauengestalt hat die Deutschen so in ihren Bann gezogen wie die Loreley. In der heutigen Form ist sie eine Schöpfung von Clemens Brentano. Heinrich Heine nahm das Motiv auf, und später, nachdem es Friedrich Silcher vertont hatte, gelangte es im 19. Jahrhundert zeitweilig in den Rang einer Nationalhymne. Heute ist die Loreley zu Klischee und Kitsch verkommen. In früheren Jahrhunderten war der Felsen Gegenstand vielfältiger Erörterungen.
Um diesen Felsen rankt sich ein ganzer Kranz von unterschiedlichen Deutungen3. Das Echo war bereits im Mittelalter berühmt. Daher versuchte man, den Namen von mda. lorren, lurren = heulen (Wind), schreien" abzuleiten4. Daneben gab es auch den Versuch, den Namen auf ein erschlossenes *Lur = elbisches Wesen" zurückzuführen5; denn elbische Wesen und der sagenhafte Nibelungenhort wurden ebenfalls mit dem Felsen in Zusammenhang gebracht. Seit früher Zeit kreist auch eine Teufelssage um diesen Berg. Wir wollen den Sagenkreis nicht weiter erörtern, sondern versuchen, mit namenkundlichen Methoden zur Erhellung und Deutung des Namens beizutragen6. Von den vielen sprach-lichen Deutungen haben sich bisher folgende herauskristallisiert, die auch sprachwissenschaftlich fundiert sind.
Jeske hat auf die augenfällige Instabilität des Kompositums hingewiesen. Bei der Tradierung des Namens müssen geographische, zeitliche und schichtenspezifische Besonderheiten berücksichtigt werden. Dazu ist es notwendig, erneut zu den schriftlichen Zeugnissen zurückzukehren13. 2.0 Historische Belege
Diese Belegreihe ist jedoch nicht vollständig. Die Erstbezeugung des Felsens wurde bisher fast immer übersehen, obwohl die historische Quelle allgemein bekannt ist23. Im Jahre 820 schenkte Ludwig der Fromme ein großes Wald-gebiet mit präzise beschriebenem Grenzverlauf an das Kloster Prüm24. Die Beschreibung ist im Liber aureus der Abtei Prüm, einem Kopialbuch von 920, erhalten. Die meisten der dort genannten Örtlichkeiten können heute noch sicher lokalisiert werden. Dort finden wir folgende Angaben:
(Die Grenze) beginnt gewiß dort, wo das ,antiliolus-Bächlein in den Rhein fließt." Dieser Bach ist mit dem Galgenbach zu identifizieren, der über Jahrhunderte die Grenze zu Oberwesel bildete26. So ist dieser Grenzbach auch auf der Karte von Dilich mit dem Grenzverlauf des alten Amtes Rheinfels eingezeichnet. Bei antiliolus handelt es sich offensichtlich um ein Kompositum, das mit Hilfe der Präposition lat. ante vor, gegenüber" gebildet wurde. Das Grundwort liolus ist uns als Appellativum aus dem moselromanischen Raum bekannt. Hierin stecken gall. *leia Fels" und ein romanisches Suffix27. Ferner sind noch Bildungen mit romanischem Plural bezeugt. Eine Herleitung des Gewässernamens antilioli vom lateinischen Cognomen Antilius28 ist in Anbetracht der zahlreichen moselländischen Parallelen unwahrscheinlich. 3.0 Lei Das Appellativum leia begegnet uns in der asächs. Bibeldichtung Heliand aus dem 9. Jahrhundert. Dort finden wir die Lehnwörter felis und leia Felsen". Es sind poetische Wörter, die sonst fremd im Text wirken. Das Appellativum Lei ist im Rheinland stark verbreitet und aus gall. *léi zu *léu entlehnt29; heute besitzt es die Bedeutung Schieferfelsen". In der Schenkung von 820 finden wir auch das Appellativum Felsen: Inde subtus hoauelisa Hoher Felsen", heute Spitzestein. Frühe Zeugnisse für Lei bietet das um 1050 im ripuarischen Raum entstandene Annolied: ûffin leige30, ferner in einigen frühen (Mikro-)Toponymen: Ürzig 1107 Leia31. 3.1 Leia + romanischer Plural32 Deutung bei den Schieferfelsen"
3.2 Laia + iôla Suffix35 Bei -iôla handelt es sich um ein Diminutiv-Suffix, eine Verkleinerungsform36, Deutung bei den kleinen Schieferfelsen".
3.3 Laia + -êtum Suffix Bei -êtum handelt es sich um ein Suffix, das zunächst nur in Verbindung mit Baumnamen vorkommt, um kollektives Auftreten, einen Wald oder Hain zu bezeichnen40. Später bezeichnet diese Bildungsweise allgemein kollektives Vorkommen, Deutung bei den Schieferfelsen".
Es ist also offenkundig, daß das Bächlein Antiliolus nach dem gegenüberliegenden Felsen, der heutigen Loreley, benannt wurde43. An der Mosel läßt sich in einigen Fällen Namenkontinuität bis heute nachweisen. In allen Fällen werden mit diesem Appellativum offenbar kleinere, anstehende Schieferberge bezeichnet. 4.0 Romanen am Mittelrhein Wie gelangt nun dieses moselromanische Wort an den Mittelrhein? Zunächst könnte man einen rein schriftsprachlichen Hintergrund vermuten. Das Kloster Prüm, das in St. Goar reich begütert war, hatte im Frühmittelalter eine starke besitzmäßige Verankerung im moselromanischen und westfränkisch-romanischen Raum44. Wir wissen, daß Pippin Mönche aus dem Kloster St. Faron bei Meaux (nordöstlich von Paris) zur Erneuerung und Verstärkung nach Prüm schickte. Zu dieser Gruppe gehörte auch Asver, der spätere Abt von Prüm. Aus den Miracula Goaris erfahren wir, daß das Zusammenleben zwischen Germanen und Romanen nicht einfach war und daß sich zeitweise Kleriker romanischer Herkunft in der Cella Goaris aufhielten. Für uns bedeutet dies, daß antiliolus auf Prümer Überlieferung beruhen könnte und am Mittelrhein früher keine volkssprachige Entsprechung hatte. So wird in der gleichen Quelle der Gründelbach als granderiuus bezeichnet. Dies ist eine gelehrte Bildung zu nhd. grand Kies, grober Sand"45 und verstärkt den Eindruck, daß liolus nicht bodenständig sein könnte. Es ist mittlerweile gesichert, daß im Raum Oberwesel46 noch mit einer romanischen Bevölkerungsgruppe im Frühmittelalter (8./9. Jahrhundert) zu rechnen ist, jedoch nicht in der Vitalität und Durchdringung wie an der Mosel47. Folgende namenkundliche Zeugnisse können hierfür beigebracht werden: Plenter < lat. Plantarium Rebneuanlage"48. Für den nördlichen Mittelrhein sind auch zwei unverschobene Belege mit romanischem Plural-s < lat. in plantariis bezeugt, und zwar in Oberwesel aus dem Kloster Allerheiligen und dem Stift Unserer Lieben Frau: 1340 zu plenters und 1427 im plenters49. In diesen Zusammenhang gehören noch: 1756 in der Muntel < lat. montellus? kleiner Berg", Langscheid 1719 in der oderoff < lat. aquaeductus Wassergraben", Werlau 1812 Kassenack < lat. cassenetum Eichenwald". 5.0 Integration ins Deutsche Das im Moselromanischen bezeugte leiolus < lei + iôlus zeigt unterschiedliche Entwicklung: leiolos > leolus (leiolin : Lieser / leolis : Zell). Bei dem Wandel [ei] > [e] ist unklar, ob ein genuin romanischer Lautwandel (Monophthongie-rung)50 oder ein romanischer Lautersatz von [ei] durch [e] vorliegt51. Es ist geradezu ein Charakteristikum des Mittelfränkischen des 10./11. Jahrhunderts, wenn <e> für wgerm. /ei/ nicht nur vor /h, r, w/ und im Auslaut, sondern auch in anderen Fällen erscheint52. Ferner ist auch altfranzösisch [ai] > [eo] möglich53. Der Wandel [eo] > [io] ist ebenso ein althochdeutsches Phänomen des 9. Jahrhunderts54; er beruht auf germ. /eu/, das zu [eo] geworden ist, indem das [u] ebenso wie altes [u] vor /a, e, o/ der folgenden Silbe zu [o] wurde55. Die angeführten Beispiele sollen aufzeigen, daß es in dieser bilingualen Zone Entwicklungen gab, die sowohl vor romanischem als auch germanischem Hintergrund erklärt werden können. So entwickelte sich leolis : Zell > liol : Morscheid56 mit heute noch vorhandener romanischer Betonung57. Im Moselromanischen läßt sich folgende kleinräumige Entwicklung belegen: Lat. [o] über [o:] und [u:] zu [ü:]58, welches dann entrundet zu [i], Lürley > Lirley werden konnte. Damit findet auch dieser bisher problematische Beleg seine Erklärung59. Am Mittelrhein existieren auch Beispiele für die Entrundung: Oberheimbach Pinsel > vlat. *ponticella kleine Brücke"60, Umgebung von Boppard 1220 Dragemunt < lat. mons Berg". Während die moselländischen Toponyme leol- ihr [l] bewahrt haben, finden wir hier beim Toponym Loreley einen Liquidtausch l / r61, der sowohl im Romanischen (Klüs-serath: Urmel / lat. ulmus Ulme"62) und Deutschen (Nie-derheimbach: gundelthal / gunderdail, Oberspay: Hael-gartten / Hargarde, Oberwesel: Klüppelberg / Klüpper-berg) häufig ist63. Der Tausch konnte um so leichter durchgeführt werden, da es zahlreiche Appellativa gab, die volksetymologisch mit diesem, im 12. Jahrhundert nicht mehr durchsichtigen Namen verknüpft werden konnten. So zum Beispiel mhd. lûren swv. lauern, wachen, auf der Lauer liegen"64, welches hier in der Mundart bezeugt ist65, oder mhd. lûstern, lustern swv. horchen, lauschen"66, das ebenfalls im nassauischen lurren, lörren heulen, laut jammern" weiterlebt; es steht hierzu im grammatischen Wechsel67. Die Alternanz von [u] / [o] im Mitteldeutschen ist sehr häufig vor Nasal und [r] festzustellen (Trechtingshausen: Burc-wege / Borgwege)68 und somit eine einfache Erklärung für die Instabilität des Namens. Der Name von Deutschlands berühmtestem Felsen ist somit nur vor dem Hintergrund einer fränkisch-romanischen Symbiose bis ins 8. Jahrhundert am Mittelrhein zu erklären. Weitere namenkundliche Funde sind zu erwarten, so daß unsere Kenntnis um das bilinguale Gebiet im Rheinengtal noch erweitert werden wird.
Hansen-Blatt Nr. 49/1996 | Nr. 50/1997 | Nr. 51/1998 | Nr. 52/1999 | Nr. 53/2000 | Nr. 54/2001 |
| www.hansenorden.mittelrhein.net |
www.st-goar.mittelrhein.net E-Mail: hansenorden@loreleytal.com © 1997-2004 www.loreleytal.com www.mittelrhein.net Alle Rechte vorbehalten.
Ohne Gewähr. Änderungen vorbehalten. |